Leisigkeit

Pause. Wann immer ich es zu oft zu eilig habe, mache ich eine.

Oft zeigt sich dann: es sind diese einzelne Momente, für die es sich lohnt. Ein Sommermorgen im Juli. Einer, der es auf unerklärliche Weise geschafft hat, zwischen zwei knallheißen Tagen frisch zu bleiben.

So früh an einem Sonntag, dass der menschliche Teil noch schläft. Der Teil, der die Erde gefühlt noch ein Stück schneller dreht, durch seine eigene Geschwindigkeit.

Wach sind mit mir Vögel, Insekten, die Sonne, der sanfte Wind und viele Dinge, für die ich noch blind bin, weil es so laut war in der letzten Zeit.

Und Lautstärke und Schnelligkeit lassen uns den Kontakt zu unserer Innenwelt verlieren. Manchmal brauchen wir genau das, suchen genau das. Aber in regelmäßigen Abständen müssen wir zurück kehren und nach sehen, ob noch alles gut ist.

Ich suche nach einem Wort für den Zustand, wenn es so leise ist, wie in diesen Momenten. Es ist nicht Stille, denn still ist es nicht. Ich höre es summen und zwitschern. Und es ist nicht Ruhe, denn auch ruhig ist es nicht. Ich höre es rauschen und flattern. Auch Leisesein ist es nicht, denn das klingt in meinen Ohren zu gewollt, zu diktiert.

Es wäre wohl Leisigkeit, gäbe es dies Wort denn.

Verlangsamte Leisigkeit empfinde ich, als ich an diesem Sonntagmorgen auf der Bank der benachbarten Pfarrei sitze. Die Sonne blitzt hinter dem Kirchturm hervor. Der Wind streicht die trockenen Blätter aus den Sommerbäumen. So sanft, wie man einen Käfer aus den Haaren einer Freundin streichen würde, wenn man weder Freundin noch Käfer verletzen will.

Es ist so leise, dass ich fast überrascht fest stelle, dass Blätter ein Geräusch machen, wenn sie auf den Boden fallen. Ich kann sie aus 3 Meter Entfernung hören.

So leise ist es selten. Es braucht aber diese Leisigkeit außen, um das Flüstern innen zu hören. Und es braucht das Vertrauen zur Langsamkeit. Die Kraft gegen den Impuls zu kämpfen, der mich weiter schicken will. „Du hast lang genug gesessen.“ sagt er. Und ich spüre, wie sich mein Körper erheben will. Und weigere mich.

Und dann strudelt das Flüstern kurz nach. Weil es noch nicht bemerkt hat, dass ich einfach sitzen geblieben bin. Die Fliehkraft macht auch vor Gedanken nicht halt. Selbst die leichten knallen dir bei einer Vollbremsung mit einem ziemlichen Gewicht von hinten gegen die Stirn.

Aber dann liegen sie da und man kann sie aufheben und sortieren. Es ist wichtig, hin und wieder zu prüfen, ob das Innen noch zum Außen passt und keine Angst davor zu haben, nach zu justieren.

Der Wind streicht nun mir durch die Haare. Freundschaftlich.
In der Ferne kräht ein Hahn den Tag an. Die Welt beginnt.

Ich war immer am glücklichsten,  denke ich, wenn ich morgens das Krähen eines Hahns hören konnte. Immer dann, wenn es noch leise genug war.  

4 Gedanken zu “Leisigkeit

  1. Avatar von guteshoerenistwichtig
    guteshoerenistwichtig sagt:

    Oha, das sind ja nahezu poetische Zeilen der Ruhe und des Findens, des Empfindens, ja, vom Genuss der Leisigkeit und des Ortes des Moments.
    Schade, dass nur so wenige in der Lage sind, dies zu sehen und zu spüren. Meist ist keine Zeit. Und oft besteht kein Interesse.
    Herzliche Grüße und..
    Hab einen schönen Tag!

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