Elmyra-Duff-Reflex

Wunder. Sie sind die Leuchtfeuer am Horizont, an die wir glauben und auf die wir warten.
Aber vielleicht denken wir in der falschen Dimension. Wir erwarten große Veränderungen, die uns plötzlich zugeflogen kommen. Ereignisse, die von jetzt auf gleich unser Leben auf den Kopf stellen. Der Lottogewinn (ohne dass wir spielen). Die große Liebe (die plötzlich vor unserer Tür steht). Wasser, das zu Wein wird (während wir schon Probleme haben, überhaupt hydriert zu bleiben.) Als wäre ein Wunder nur eines, wenn es möglichst weit weg von Wahrscheinlichkeit ist.
Was, wenn es die kleinen Dinge sind? Die schleichenden, leisen?

Und dabei meine ich nicht mal das Offensichtlichste: morgens aufzuwachen.

Sondern auch, einen inneren Winter zu überstehen. Ein 5-Cent-Stück auf der Straße zu finden. Sich selbst mit einer Leistung zu überraschen, die man nicht für möglich gehalten hatte. Menschen zu begegnen, mit denen eine Verbindung entsteht. Mit denen man vielleicht sogar nur ein gutes Gespräch führt. Nur für die Flüchtigkeit eines Moments lacht. Sich erkennt. Menschen, die Türen in uns öffnen, die lange verschlossen waren. Die Tatsache, dass sie gleichzeitig mit einem leben und man ihnen begegnet ist doch schon ein Wunder an sich. Wie viele kleine Begebenheiten mussten im Laufe der Jahre geschehen, damit es zu genau dem Zeitpunkt passiert, an dem man es so dringend braucht?

Und dann tritt manchmal das ein, was ich als Elmyra-Duff-Reflex bezeichnen würde. Die rothaarige Figur aus der Tiny Toons Serie, die ihre Haustiere so sehr liebt, dass sie sie fast erdrückt.

Wir wollen aus dem kleinen unscheinbaren Wunder so unbedingt ein großes machen. Versuchen krampfhaft das Glück festzuhalten und erdrücken es dabei manchmal. Verbiegen uns, um Menschen in unserem Leben zu halten und stoßen sie damit von uns weg. Entwickeln eine Übermotivation beim Sport und schaden damit unserem Körper. Verpassen den rechtzeitigen Verkauf der Aktie und machen Verluste. Wollen, dass jeder Tag noch heller wird als der vorherige und erschrecken umso mehr über dunkle Wolken. Wir sind enttäuscht, wenn die Maßnahmen, von denen wir dachten, sie würden das Wunder aufblähen, nicht den erwünschten Effekt haben.

Maßnahmen. Maß nehmen. Kann man Glück errechnen? Planen?

Es tut so gut, sich immer wieder vor Augen zu führen, wie dankbar man für die kleinen Wunder sein kann. Dass einem nach Tagen, in denen sich die Traurigkeit in die Rippen krallt, plötzlich nach Lächeln zu Mute ist; die Hoffnung mit am Tisch sitzt. Dass sich nach Jahren, in denen man sich davon zu überzeugen versuchte, dass man niemals mehr so unbeschwert/albern/verliebt sein würde, wie damals, plötzlich genau dieses Gefühl einstellt. Und sei es auch nur vorübergehend.

Denn es lehrt uns, dass sich das Leben jeden Tag wieder ändern kann. Dass sich nach schweren Wegen immer wieder ein unerwartetes Panorama vor uns auftun kann; so schön, dass wir vor lauter Staunen vergessen zu atmen. Es lehrt uns vor allem, dass wir all diese Säulen: Hoffnung, Mut, Liebe und Humor die ganze Zeit in uns tragen und es manchmal nur den richtigen Schlüsselmoment braucht, es in uns zu öffnen.

Vielleicht ist es morgen wieder vorbei. Aber dass es sich gezeigt hat; dass es überhaupt möglich ist – das ist ein Wunder.

5 Gedanken zu “Elmyra-Duff-Reflex

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